97 Bewohner. Ein laufender Pflegebetrieb. Dienstpläne, Dokumentation, Medikamentengabe, Vitalwertkontrollen und unzählige weitere Routinen, die jeden Tag zuverlässig erbracht werden müssen.
Im Haus St. Vinzenz in Braunschweig wird dieser Alltag jetzt zum Forschungsfeld. Das Pflegeheim übernimmt im Forschungsprojekt CoCareLab die Rolle eines Living Labs, in dem digitale Lösungen unter realen Bedingungen erprobt werden. Das Besondere dabei: Nicht die Technologie steht im Mittelpunkt, sondern die Menschen, die täglich mit ihr arbeiten.
Die Herausforderungen in der stationären Pflege sind bekannt. Neben der direkten Versorgung von Bewohnerinnen und Bewohnern wächst der Aufwand für Dokumentation und administrative Aufgaben kontinuierlich. Für Silvia Bothe, Einrichtungsleiterin des Hauses St. Vinzenz, liegt genau hier eine der größten Belastungen im Pflegealltag: „Es wird zu viel Zeit mit den administrativen Aufgaben und der Dokumentation verbracht, wo demnach dann die Zeit für die Bewohnenden fehlt.“
Genau deshalb verfolgt CoCareLab einen anderen Ansatz als viele klassische Digitalisierungsprojekte. Statt Lösungen vorzugeben und anschließend auf Akzeptanz zu hoffen, werden Pflegekräfte von Beginn an in den Entscheidungsprozess eingebunden. Ihre Erfahrungen, Anforderungen und Herausforderungen fließen direkt in die Auswahl, Bewertung und Weiterentwicklung der eingesetzten Technologien ein. Wie wichtig dieser Ansatz ist, beschreibt Silvia Bothe treffend: „Der Vorteil ist, dass alle mitgenommen werden, wo sie gerade auch bezogen auf ihre Kompetenzen und Bedarfe stehen.“
Wenn digitale Lösungen entwickelt werden, ohne die tatsächlichen Abläufe in Pflegeeinrichtungen ausreichend zu berücksichtigen, verschwinden sie meist nach kurzer Zeit wieder.
CoCareLab verfolgt deshalb einen konsequent praxisorientierten Ansatz. Die Technologie soll nicht unter Idealbedingungen, sondern im laufenden Pflegebetrieb funktionieren. Denn der Erfolg digitaler Lösungen entscheidet sich nicht bei der Einführung, sondern erst dann, wenn sie sich nachhaltig in bestehende Abläufe integrieren lassen und langfristig genutzt werden.
Zu den untersuchten Technologien gehört auch die KI-Raumassistenz, die entwickelt wurde, um dort zu unterstützen, wo Pflegekräfte besonders viel Zeit verlieren: bei Routinen.
Livy Care vereint dabei drei Anwendungsbereiche, die Pflegekräfte im Alltag besonders entlasten:
Der Ansatz dahinter ist einfach: Pflegekräfte sollen weniger Zeit mit administrativen und repetitiven Tätigkeiten verbringen und dadurch Zeit für die direkte Versorgung zurückgewinnen.
Bereits veröffentlichte wissenschaftliche Untersuchungen zeigen das Potenzial dieses Ansatzes. So konnte unter anderem der Zeitaufwand für die Vitaldatenerfassung um 34 % reduziert werden. Weitere Untersuchungen zeigen, dass KI-Raumassistenz Pflegekräfte entlastet und gleichzeitig die Versorgungsqualität stärkt.
Die Einführung einer Technologie ist schnell beschlossen. Ob sie langfristig genutzt wird, entscheidet sich erst im Alltag.
Sie muss in Frühdiensten funktionieren. In Spätdiensten. An Wochenenden. Unter Zeitdruck. In einem Umfeld, in dem zusätzliche Komplexität keine Option ist.
„Die digitalen Tools müssen gut in den Arbeits- und Pflegeprozess integrierbar sein und die Pflegefachberufe in ihrer Arbeit unterstützen.“, betont Prof. Dr. Martina Hasseler, die wissenschaftliche Leitung des Projekts.
Denn erfolgreiche Digitalisierung beginnt nicht mit Technologie. Sie beginnt dort, wo sie akzeptiert, genutzt und als Unterstützung wahrgenommen wird: im Pflegealltag.
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